trisinet-schnitten

Ein Bissen Barock in Bad Wurzach

Es heißt, man könne entlang der Oberschwäbischen Barockstraße reichlich Barock erleben, fühlen und schmecken – vor allem in den kleinen Dingen, die Sinnlichkeit und Ritual verbinden. Wer heute durch Bad Wurzach spaziert und ein wenig Zeit im heimeligen Café Hager verbringt, kann solch einen barocken Moment probieren: die Trisinet-Schnitte. 

Intro

Was sind Trisinet-Schnitten und wo kann man sie probieren?

Hart, zuckersüß und mit einem Schluck Rotwein getränkt einfach nur köstlich. Der Konditor Harald Scheibenhoffer führt das Café Hager, das sich seit 1869 in der Schulstraße 2 befindet, nunmehr in der fünften Generation und ist stolz auf die lange Geschichte „seiner“ Trisinet-Schnitten. Denn die Wurzeln reichen weit zurück ins Kloster Maria Rosengarten. Dieses wurde 1514 von Gräfin Helena, der Mutter von Georg III. von Waldburg – auch als Bauernjörg bekannt – gestiftet. 1717 wurde eine Rokokokapelle eingebaut, die heute als eine der schönsten Hauskapellen der Welt gilt. 1806 wurde das Kloster säkularisiert und 1863 von den „Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ übernommen. 

Die Schwestern prägen das Bild von Bad Wurzach bis heute, denn sie betrieben ab 1936 hier das erste Moorbad. Und sie erfanden im Jahr 1609, so heißt es, das Rezept für die Trisinet-Schnitten.

Klöster waren im Barock Zentren von Kultur, Wissen und Küche. Hier wurde mit Zutaten experimentiert, die außerhalb der Klostermauern meist unerschwinglich waren. Zucker, Mandeln, Rosenwasser – damals teuerste Handelsware – wurden dabei nicht nur für Süßes verwendet, sondern auch medizinisch. Die Trisinet-Schnitte galt in diesem Sinne als nahrhafte Stärkung für Wöchnerinnen. Zugleich ist sie ein Sinnbild für den barocken Kontrast von Askese und Genuss.

Bei der Schnitte erzählt jede Zutat eine Geschichte. Zucker und Gewürze waren Luxus, Mandeln und Nüsse standen für Fruchtbarkeit und Beständigkeit. Rotwein verband Sakramentales mit weltlichem Vergnügen. Die Verbindung zwischen harter Schnitte und samtigem Wein war also kein Zufall, sondern rituelles Inszenieren eines Genusses, der typisch für die Barockzeit war: die Geste, der Geschmack, die Überraschung – alles im Dienst von Körper und Geist. 

Woher hat die Trisinet-Schnitte ihren Namen?

Warum die Trisinet-Schnitten so heißen, das weiß heute niemand mehr genau. Doch in Bad Wurzach erzählt man sich zwei süße Geschichten. Die eine führt zurück in den stillen Kreuzgang des Klosters Maria Rosengarten und zu dem barocken Wortspiel einer Nonne: „Tri“ für die Dreieinigkeit, „sin“ als Anklang an das lateinische „sine“, also „ohne“, „et“ als „und“. Frei gedeutet vielleicht „dreifach und doch ohne Sünde“ – ein Scherzname für eine Süßspeise, die beim Fasten verboten war, aber durch fromme Wortakrobatik gerechtfertigt wurde. So wurde aus einer sündigen Süßigkeit eine „Trisinet“-Schnitte. Das klingt fast zu gut, um nicht barock zu sein. Die andere Geschichte riecht mehr nach Wirtshaus als nach Weihwasser. Denn im oberschwäbischen Dialekt könnte „Trisinet“, mündlich: Trisnet oder Drisnet, aus einer alten Redewendung stammen: „a bissle drisnet“ – „etwas Eintunken“ oder „Tränken“. Da man die harten Schnitten traditionell mit lauwarmem Rotwein übergoss, könnte der Name also schlicht das Ritual selbst beschreiben. Als „Trisinet“, die „Schnitte, die man tränkt“. Das wäre typisch oberschwäbisch: pragmatisch, liebevoll verklärt – und käme mit einem Augenzwinkern. Denn das Tränken mit Wein war gewiss kein rein klösterlicher Akt der Askese. 

Zuckerbrot als Zeitzeuge des Barock

Aus einem kleinen Stück Zuckerbrot wurde also ein Zeitzeuge des Barock, der bis heute über die Jahrhunderte trägt. Wer die Trisinet-Schnitte im Café Hager in Bad Wurzach probiert, genießt den Kontrast von strenger Frömmigkeit und verführerischem Genuss. Bad Wurzach liegt an der Hauptroute der Oberschwäbischen Barockstraße

Autor: Reisejournalist Stefan Blank

REZEPT TRISINET-SCHNITTEN 

Auch, wenn kein historisches Rezept überliefert ist, einfach mal ausprobieren und „nachbauen“.

Man nehme für ca. 12 Stück: 

- 150 g gemahlene Mandeln 

- 100 g Zucker und ein Hauch Puderzucker zum Bestreuen 

- 2 Eiweiß 

- 1 TL Rosenwasser oder Vanille 

- Prise Zimt 

Eiweiß steif schlagen, Zucker hineinrieseln lassen. Mandeln, Zimt und Rosenwasser vorsichtig unterheben, alles zu einem festen Teig verarbeiten. Auf Backpapier rechteckig ausstreichen (ca. 1 cm dick), bei 160 °C 15–20 Minuten backen, bis die Oberfläche goldbraun ist. Etwas abkühlen lassen, in Rechtecke schneiden. Vor dem Servieren kurz mit einem Achtele lauwarmem Rotwein übergießen. Puderzucker oder ein Hauch Rosenwasser veredeln die guten Stücke. 

Für einen Bissen Geschichte und einen Moment sinnlichen Genuss.

sehenswürdigkeiten in Bad Wurzach

Reisevorschlag: 

3 Tage Natur und Kultur

an der Oberschwäbische Barockstraße

Ein herbstlicher Spaziergang im Wurzacher Ried: Goldenes Laub bedeckt die Wege, und eine kleine Brücke führt malerisch über das Moor durch die herbstliche Landschaft.

bad wurzach und die oberschwäbische barockstraßse im Herbst

Ein Kurzurlaub in Baden-Württemberg führt Sie in den herbstlichen Süden Deutschlands: Auf einer 3-Tage-Route von Bad Waldsee mit Ausflügen nach Bad Wurzach und Wolfegg, Bad Schussenried und Aulendorf eine perfekte Mischung aus Natur, barocker Kultur und regionalem Genuss – ideal für eine entspannte Auszeit in Süddeutschland.

Mehr zum Reisevorschlag im Herbst erfahren

LAUSCHTOUREN an der Oberschwäbischen Barockstraße

Drei Personen stehen in einem prunkvollen Barock-Treppenhaus und begutachten die Verzierung

audiotour durch Bad Wurzach

- coming soon -

Die Lauschtour durch Bad Wurzach befindet sich aktuell in der Erstellung. Informationen zu weiteren Lauschtouren finden Sie unter dem Link.

Mehr zu den LAUSCHTOUREN erfahren

Die Oberschwäbische Barockstraße


Zwischen Ulm, dem Bodensee und der Ostschweiz verbindet die Oberschwäbische Barockstraße eine einzigartige Kulturlandschaft. Prächtige Kirchen, Klöster und Schlösser zeugen vom Glanz des Barock und laden dazu ein, Geschichte, Kunst und Tradition hautnah zu erleben. Entdecken Sie eine Reise voller beeindruckender Architektur und malerischer Landschaften!

 

Luftaufnahme der barocken Schlossanlage Altshausen, im Hintergrund ein Weiher, Wälder und Felder
Luftaufnahme der barocken Schlossanlage Altshausen, im Hintergrund ein Weiher, Wälder und Felder © Oberschwaben Tourismus GmbH, Florian Trykowski

IHRE KOSTENLOSEN REISEBEGLEITER

Einfach direkt nach Hause bestellen!

Frontansicht des Routenführers mit dem Titel: Im Himmelreich des Barock, Oberschwäbische Barockstraße

Die kostenlose Broschüre zur Oberschwäbischen Barockstraße mit spannenden Reportagen, Übersichtskarten und einem Stationsverzeichnis, Informationen zu den Radwegen sowie das Reisemagazin für die Region Oberschwaben-Allgäu schicken wir Ihnen gerne kostenfrei direkt nach Hause.