Evangelische Stadtkirche
Wer die heutige Evangelische Stadtkirche betritt, begegnet einem Raum, der bewusst auf Pracht verzichtet. Die flache Holzbalkendecke und die klaren, monumentalen Formen entsprechen dem Ideal einer mittelalterlichen Bettelordenskirche. Als Klosterkirche der Karmeliter wurde sie im 14. Jahrhundert erbaut und 1349 geweiht. Fresken aus dem 14. und 15. Jahrhundert haben sich bis heute erhalten und setzen besondere Akzente in der schlichten Architektur.
Mit der Reformation begann ein ungewöhnliches Kapitel. Nachdem 1544 erstmals evangelisch in Ravensburg gepredigt worden war, teilten sich Katholikinnen und Protestantinnen ab etwa 1554/55 das Gebäude: Das Langhaus diente der evangelischen Gemeinde, während Chor und Kloster bei den Karmelitern verblieben. Der Lettner zwischen beiden Bereichen wurde damit nicht nur zur architektonischen, sondern auch zur konfessionellen Grenze.
Das Nebeneinander verlief nicht immer reibungslos. Gottesdienste fanden teilweise gleichzeitig statt, gegenseitige Lärmbeschwerden blieben nicht aus. Überliefert ist sogar die Episode einer Schafherde im Kirchenschiff – ein ebenso überraschender wie alltäglicher Einblick in die Spannungen dieser Zeit. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die gesamte Kirche der evangelischen Gemeinde überlassen.
Auch Ravensburgs Handelsgeschichte ist hier gegenwärtig. Über eine kleine Treppe führt der Weg zur Kapelle der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft. Grabmäler bedeutender Kaufleute und Patrizier erinnern daran, wie eng Glaube, wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliches Ansehen in der einstigen Reichsstadt miteinander verbunden waren.
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Evangelische Stadtkirche
Marienplatz 5
88212 Ravensburg