
Überhaupt werden Traditionen hochgehalten: beim Weingartener Blutritt und der Fasnet ebenso wie im Bauernhofmuseum, bei den zahlreichen Heimatfesten der Region oder in der dörflichen Blaskapelle. Und alle Naselang stellt sich einem eine wunderschöne Barockkirche in den Weg. Man beschäftigt sich gerne mit der (vornehmlich eigenen) Vergangenheit und als konservativ eingestuft zu werden, ist Lob statt Tadel. Rote Dächer und schwarz wählen: so hat es vor Jahren ein bodenständiger oberschwäbischer Landrat auf den Punkt gebracht.
1274 taucht Oberschwaben, Suevia superior, zum ersten Mal auf der Landkarte auf, als König Rudolf von Habsburg eine Landvogtei gleichen Namens errichtet. Sitz ist die Veitsburg über Ravensburg. Der Wechsel der Landesherren über die Jahrhunderte wird geduldig ertragen. Man akzeptiert Herrschaft als gottgegeben, was gelegentliches Aufbegehren wie im Bauernkrieg nicht ausschließt. Doch im Grunde bleibt der Flickenteppich aus Höfen, Dörfern, Freien Reichsstädten, adligen und geistlichen Besitztümern unregierbar. Mit Oberschwaben ist kein Staat zu machen.
Richtig ernst wird es erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Napoleon, als in der Folge des sogenannten Reichsdeputationshauptschlusses die ganzen Klöster aufgelöst und enteignet werden. An die Wurzeln eines gewachsenen Kulturraumes wird die Axt angelegt – ein Schnitt, von dem sich der Landstrich zwischen Alb und Bodensee lange nicht erholen sollte. Schließlich waren die Klöster über Jahrhunderte hinweg weit mehr als Stätten zurückgezogener Religiosität und Kontemplation. Sie waren kulturelle und geistige Zentren für die ganze Region, sie waren Bildungseinrichtungen und vor allem in der Blütezeit des Barock ein Hort der schönen Künste. Aber auch die Naturwissenschaften standen hoch im Kurs. Die barocke Sternwarte der ehemaligen Benediktiner-Reichsabtei Ochsenhausen belegt noch heute den einstigen Forscherdrang der Mönche.
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